Wassermanagementexperten weisen den Weg in die Zukunft
Brieselang. (pra) Rund 50 Besucher haben am Dienstagabend (11. Oktober 2022) in der Sporthalle der ZeeBr@-Grundschule während des zweiten Teils der Informationsveranstaltung „Nachhaltiges Wassermanagement in Zeiten des Klimawandels“ ihr Wissen vertiefen können. Fünf Experten konnten Konzepte und Lösungsansätze anhand von praktischen Beispielen darstellen sowie ihre Visionen zum Ausdruck bringen, um bei Extremwetterereignissen wie Starkregen oder Hitzeperioden gewappnet zu sein. Der Tenor: mehr grüne Flächen, mehr Bäume, mehr begrünte Fassaden und Dächer können gegen Hitzewellen sowie mehr Regenwasserbewirtschaftung gegen Überschwemmungen helfen. Es war ein regelrechter Vortragsmarathon, der allerdings vielfältige Informationen bereithielt und vor allem Handlungsoptionen sowohl für den öffentlichen als auch für den privaten Raum aufzeigte.
Nach der Begrüßung durch Bürgermeister Ralf Heimann, der sich genauso wie Uwe Gramsch, Fachbereichsleiter für Bauwesen und Gemeindeentwicklung, und alle weiteren Besucher der Veranstaltung neue Impulse erhoffte und diese auch bekommen sollte, legte zunächst Dr. Daniel Thiel, Referent für Klimawandel, vom Landesamt für Umwelt die Auswirkungen des Klimawandels auf den Wasserhaushalt in Brandenburg dar. So seien insbesondere Trockenperioden im Land künftig keine Seltenheit mehr. Das offenbart etwa der Dürremonitor. „Bei Niederschlägen ist der Trend hingegen nicht so klar. Im Sommer ist ein Rückgang, im Winter ein Anstieg zu prognostizieren. Im Jahresmittel allerdings wird sich der Niederschlag nicht so sehr verändern, er bleibt stabil auf niedrigem Niveau. Allerdings gibt es auch weniger Niederschlag in Form von Schnee“, betonte Thiel.
Dass sich Trockenheit in Kombination mit Starkregenereignissen als Problem erweist, liege auf der Hand, da der trockene Boden den Regen nicht aufnehmen könne und in der Folge die Gefahr von Überschwemmungen steige. Zudem nehme die Grundwasserneubildung ab, sodass weniger Wasser verfügbar sei.
Apropos Wasser. Regenwasserexperte Prof. Dr. Heiko Sieker stellte das Thema „Wassersensible Stadtentwicklung“ in den Fokus seines Vortrages. Damit verknüpft beleuchtete er natürlich auch die aktuell vorherrschenden Probleme wie das Austrocknen von Gewässern, die Trinkwasserversorgung, die nicht sorglos betrachtet werden dürfte, die Ist-Situation der Straßenbäume, die unter der Trockenheit ächzen und teilweise wegen baulicher Mängel und der Versiegelung nicht an genügend Wasser herankämen, oder aber die Verdunstungsproblematik. „Verdunstung ist das eigentliche Problem. Die Speicherung von Wasser ist entscheidend, um Trockenperioden meistern zu können“, betonte Sieker. Städtebaulich müsste deshalb entgegengesteuert werden, obgleich das eine Herausforderung sei, weil Umbaumaßnahmen mit intensiven Kosten verbunden seien. Die bisherige Praxis, Wasser beispielsweise via Gullis oder Kanäle abzuleiten, sei nicht mehr zeitgemäß. „Entwässerungssysteme entziehen der Landschaft schließlich Wasser und verschärfen die Hochwassergefahr“, sagte Sieker. Mit der konsequenten Anwendung des sogenannten Sponge-City-Konzept (Schwammstadt-Konzept) könne dem Problem etwas entgegengesetzt werden. Als Beispiel nannte der Experte Bausteine wie Gründächer, Fassadenbegrünung, Rasensplittersteine, Teiche oder Regengärten. „Es gibt nicht nur die eine Maßnahme, aber es ist wichtig, Wasser mit der Vegetation zusammenzuführen. Es ist kein Hexenwerk, man muss es nur tun.“ Zu den Stichworten Bäume und Regenwasser merkte Sieker an, dass Baumrigolen, Tiefbeete und Landschaftsparks als Multifunktionsflächen, die bei Starkregenereignissen auch als Überflutungsgebiete dienen könnten, helfen würden, um den Bäumen Wasser zuführen zu können. Es helfe nichts, zu betonieren, zu asphaltieren oder generell alles zuzupflastern.
Ingo Schwerdorf von den Stadtentwässerungsbetrieben Köln wiederum erläuterte wie die Millionenstadt die Klimafolgenanpassung bewerkstelligt. Doch wo liegen die Probleme überhaupt? Der Experte benannte den Flächendruck, den erhöhten Versiegelungsgrad, die geringe Verdunstung, die fehlende natürliche Versickerung, den erhöhten Oberflächenabfluss, fehlenden Schatten, den hohen CO2-Austoß und die wenige Frisch- und Kaltluftproduktion.
Starkregenvorsorge sei indes eine Gemeinschaftsaufgabe. Der gezielte Objektschutz diene der Schadensbegrenzung. Insbesondere in Neubaugebieten müsse darauf geachtet werden, dass Wasser auf privaten Flächen gehalten, auf öffentlichen Flächen sollte zudem Versickerungsmöglichkeiten für das Wasser geschaffen werden. „Die wassersensible Gestaltung im öffentlichen Raum ist elementar – dazu gehört auch die Überflutungsvorsorge“, betonte Schwerdorf. Im Hinblick auf die Stadtentwicklung müssten effiziente Anpassungsmaßnahmen deshalb stets mitbetrachtet werden. Wichtig sei es, Regenwasserspeicher sowohl zur Grünbewässerung als auch zur Versickerung, gleichermaßen bei Starkregen und Trockenheit, zu ermöglichen. Schwerdorf sprach zudem zur Überflutungsvorsorge, indem er Maßnahmen aufzeigte, die helfen können, dass Grundstücke und Objekte keine Schäden erlitten. Explizit nannte er Mulden, Aufkantungen, Schutzschwellen oder beispielsweise druckdichte Kellerfenster. „Schäden können durch Maßnahmen im öffentlichen und privatem Raum reduziert werden“, so sein Fazit.
Auch Torsten Schulz, Geschäftsführender Gesellschafter des Planungsunternehmens PST mit Sitz in Werder/Havel, konnte mit seinem Vortrag zum Thema „Regenwasserbewirtschaftung im öffentlichen & privaten Raum“ sensibilisieren. Gleich zu Beginn betonte er vor dem Hintergrund von Gebietsentwicklungen: „Bei baurechtsschaffenden Planungen, etwa beim Aufstellen von Bebauungs- oder Flächennutzungsplänen, sollte stets das Thema Wasser im Blick gehalten werden. Viele Kommunen haben das nicht auf dem Schirm. Das Bewusstsein dafür muss aber geweckt sein.“
Für den Experten sind gewisse Parameter von entscheidender Bedeutung, dazu gehört etwa die Topografie. In einem B-Plan müsse also unbedingt ausgewiesen werden, wo beispielsweise mit Blick auf das Regenwassermanagement Versickerungsbecken ausgewiesen sein sollen, sprich „Entwässerungskonzepte müssen enthalten sein“. Seiner Meinung nach sind Festsetzungen im B-Plan wie vorrangige Entwässerung der Verkehrsflächen in Grünstreifen, Pflanzflächen oder Baumrigolen vor dem Hintergrund der Speicherung und Versickerung des Wassers genauso unerlässlich wie die Nutzung der öffentlichen Grünzüge zur Zwischenspeicherung und Versickerung. Auch die Herstellung eines Kanalsystems mit Anschluss von Überläufen und Drosselanschlüssen sei elementar. Zudem seien Festlegungen zu Gründächern denkbar.
Für Schulz sei es im Übrigen von Vorteil, wenn bei Entwicklungsbauvorhaben vor dem Hintergrund der Gestaltung zunächst ein städtebaulicher Wettbewerb ausgeschrieben werde, um Ergebnisse in bestmöglicher Form zu erzielen. Konkret nannte er orientiert am Beispiel Regenentwässerung, dass in einem Wettbewerb dazu Fragen gestellt und von Teilnehmern Lösungen dazu aufgezeigt werden müssten.
Marco Schmidt, der unter anderem für das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung als Experte tätig ist, setzte während seines Vortrages weitere Schwerpunkte zu den Themengebieten Dach- und Fassadenbegrünung, dezentrale Regenwasserbewirtschaftung, Regenwassernutzung sowie energieeffiziente Gebäudekühlung. Er verfolgte einen anderen Ansatz. Sein primäres Credo lautete: „Wir müssen mehr verdunsten.“ So sei eine dramatische Reduzierung der Verdunstung an Land zu verzeichnen. Den Verlust der Vegetation weltweit bezifferte er mit 800 Quadratkilometern – und das täglich. Um das zu verhindern, sei eine Dachbegrünung ein geeignetes Rezept, um die Verdunstung einerseits zu reduzieren, so dass in der Folge in den Objekten weniger klimatisiert werden müsste, und andererseits zugleich die Speicherkapazität von Wasser zu erhöhen. Die positive Energiebilanz eines begrünten Dachs spreche für sich.
Im Hinblick auf Photovoltaikanlagen empfiehlt der Dachbegrünungsexperte übrigens einen „Schmetterlings-Aufbau“, so dass das Regenwasser besser abläuft. Dabei sei auf die Vermeidung von Teilverschattung der Solarmodule unbedingt zu achten. Auch Schmidt legte den Schwerpunkt darauf, dass bei städtebaulichen Verträgen vor dem Hintergrund von Starregenereignissen Festsetzungen getroffen werden, die eine maximale Ableitungsintensität als Verpflichtung beinhaltet. Bewässerungssysteme sollten via Regenwassernutzung erfolgen. Die Nutzung von Zisternen seien ein adäquates Mittel. Vorteile seien geringere Investitionskosten, geringere Betriebskosten und eine bessere Performance für das Gebäude. Grundsätzlich sei die Begrünung von Dächern ohnehin besser für die Umwelt.
Das Fazit zu den beiden Veranstaltungen zog Uwe Gramsch, Fachbereichsleiter für Bauwesen und Gemeindeentwicklung, am Ende mit der Hoffnung verbunden, dass eine kommunalpolitische Diskussion in Gang gesetzt werden kann. Er betonte: „Wir haben heute eine große Bandbreite von Möglichkeiten und Ansätzen gesehen. In der Folge müssen wir uns insbesondere städtebaulich mit den vielfältigen Themen auseinandersetzen. Klar ist, dass wir den Klimawandel auch in Brieselang ernst nehmen müssen, um zukunftsfähig zu sein. Die angesprochenen Thematiken müssen aber ganzheitlich betrachtet werden. Es wird ein langer Prozess sein. Ganz umsonst ist all das, was umsetzbar sein könnte, allerdings nicht. Wir müssen aber investieren, um zu passenden Lösungen, natürlich unter Einbeziehung von Kompromissen, für die Gemeinde zu kommen. Ein Gesamtkonzept müsste allerdings zunächst entwickelt werden. Vor dem Hintergrund der zahlreichen Bauvorhaben, die anstehen, darunter der Gesamtschulbau, der Bau eines Sportgeländes, die mögliche Erweiterung des Gewerbegebietes oder aber die Instandsetzung von Gräben, muss vieles entsprechend der Thematik durchdacht werden. Wir als Bauamt haben jedenfalls den Anspruch zu gestalten - und das natürlich gemeinsam mit den Bürgern.“
Die Präsentationen zu den Vorträgen im Überblick:
Landesamt für Umwelt, Vortrag Dr. Daniel Thiel
Dr. Heiko Sieker, Wassersensible Stadtentwicklung
Wasserwirtschaftliche Klimaanpassung, Ingo Schwerdorf
Regenwasserbewirtschaftung im öffentlichen & privaten Raum, Torsten Schulz






